Wildspitze: Überschreitung vom Pitztal ins Ötztal

Imposante Eisbrüche im Mittelteil des Gletschers. Foto: Jan Lorenz

Die Wildspitze (3.768 Meter) ist der zweithöchste Berg Österreichs und zugleich der höchste Nordtirols und der Ötztaler Alpen. Die zwei bekanntesten Aufstiege führen von Vent im Ötztal über das Mitterkarjoch (Normalweg) und von Mittelberg im Pitztal über das Taschachhaus und den Taschachferner auf diesen imposanten Gipfel.

Eine schon lange von mir erträumte Tour war die Kombination beider Wege in einer Überschreitung vom Pitztal ins Ötztal. Am letzten Juniwochenende 2026 ergab sich dann endlich die Möglichkeit: Wetter und Bedingungen passten, auf dem Taschachhaus gab es noch freie Betten und meine Tourenpartnerin Sara hatte auch zufällig Zeit.

Steckbrief

Hüttenzustieg Pitztal – Taschachhaus+700 hm, 8 km, 3 Std.
Taschachhaus – Wildspitze – Vent+1.400/-1.900 hm, 16 km, 10-12 Std.

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Aufstieg zum Taschachhaus

Am Samstagmorgen traf ich mich mit Sara am Innsbrucker Hauptbahnhof. Wir nahmen den Railjet nach Imst-Pitztal und fuhren von dort aus mit dem Bus bis ganz ans Ende des Pitztals an die Haltestelle Pitztal Gletscherbahn.

Um etwa 11:30 ging es dann los durch das idyllische Taschachtal. Man kann mit dem Rad auf einer Schotterstraße ins Tal bis zur Talstation der Materialseilbahn des Taschachhauses fahren. Dafür gibt es in Mittelberg auch einen Radverleih (PitzRentTal – www.pitzrenttal.at). Selbiges gibt es, nach telefonischer Absprache, sogar auch in die andere Richtung (talauswärts). Sehr praktisch falls man die Tour in die andere Richtung macht.

Wir aber folgen der Beschilderung zum Taschachhaus zu Fuß und kommen direkt am Anfang dort vorbei, wo im Winter der Eisklettergarten Taschachschlucht steht. An der Stelle eine klare Empfehlung für Eiskletter*innen auf allen Niveaus.

Nach etwa 2h erreichen wir die Materialseilbahn, von hier sind es laut Poster nur noch 59 Minuten, zum Glück keine ganze Stunde mehr ;).

Von der Talstation der Materialseilbahn nur noch 59 Minuten zum Taschachhaus. Foto: Jan Lorenz
Von der Talstation der Materialseilbahn nur noch 59 Minuten zum Taschachhaus. Foto: Jan Lorenz

Etwa auf halbem Weg zwischen Materialseilbahn und Hütte machen wir kurz Rast an einem schönen Plätzchen, von dem man die Moränenlandschaft des Taschachferners begutachten kann.

Nach insgesamt etwa 3 Stunden kommen wir am Taschachhaus an, wo wir heute die Nacht verbringen.

Beeindruckend und erschreckend zugleich, vor nicht allzu langer Zeit war hier noch ein Gletscher. Foto: Jan Lorenz
Beeindruckend und erschreckend zugleich, vor nicht allzu langer Zeit war hier noch ein Gletscher. Foto: Jan Lorenz

Taschachhaus – Wildspitze

Sonntag geht es für uns kurz nach 4 Uhr früh los, denn am Nachmittag ist schlechtes Wetter angekündigt. Bei der momentanen Hitzewelle fallen selbst hier oben die Temperaturen Nachts nicht mehr unter den Gefrierpunkt, für die Stabilität der Schneebrücken wird uns unser früher Start also nicht allzu viel nutzen.

Morgenstimmung im Zustieg zum Gletscher. Foto: Jan Lorenz
Morgenstimmung im Zustieg zum Gletscher. Foto: Jan Lorenz

Nach einem ersten kurzen Anstieg kann man sich entscheiden ob man nach links auf einen Steig abzweigt, auf dem man das untere Drittel des Taschachferners nicht auf dem Gletscher zurücklegt, sondern nordseitig umgeht, oder direkt auf den Gletscher geht. Zweiteres erfordert, duch den schnellen Gletscherrückgang, etwas mehr können in der Wegfindung. Wir entscheiden uns trotzdem für diesen Weg weil der Taschachferner unten blank ist und wir aufgrund der Bedinungen ein schnelles Vorankommen erwarten.

Um etwa 5 Uhr sind wir am Gletscher, wo wir erstmal eine kleine Pause machen um unser nicht vorhandenes Frühstück nachzuholen. Wir legen Gurt und Steigeisen an und gehen zunächst unangeseilt los.

Bis dort wo die empfohlene Aufstiegsroute, unterhalb des Mittelbergjochs, eine Kurve Richtung Westen macht kommen wir gut auf dem aperen Gletscher voran. Hier seilen wir an, denn nun beginnt der schneebedeckte Teil und auch die erste richtige Spaltenzone. Die erste Spalte hat eine Schneebrücke aber außen rum ist noch zu viel Blankeis um einen Sturz gut in Zweierseilschaft nur mit Steigeisen und Pickel zu halten, wir müssen also an einer Eisschraube sichern. Das ist immer etwas langwierig und ich hoffe dass die Schneeauflage bald zunimmt.

Spoiler: Sie nimmt bald zu und zwar so sehr, dass wir nun durch knietiefen, aufgeweichten Schnee stapfen, was ordentlich an den Kräften und der Motivation zerrt. Hier hätten vielleicht Gamaschen geholfen, aber die liegen zuhause. Zum Glück finden wir recht schnell etwas weiter rechts die Aufstiegsspur der vorherigen Tage, in welcher es sich etwas besser läuft.

Imposante Eisbrüche im Mittelteil des Gletschers. Foto: Jan Lorenz
Imposante Eisbrüche im Mittelteil des Gletschers. Foto: Jan Lorenz

Ab etwa 3.200 Metern wird der Schnee zum Glück dann etwas härter und wir kommen schneller voran. Immer der Spur folgend treffen wir irgendwann auf den Normalweg vom Mitterkarjoch, von dem aus schon die ein oder andere Seilschaft unterwegs ist. Die Wildspitze ist und bleibt eben kein Geheimtipp.

Bergsteiger*innen aufgepasst : Eine Cumulunimbus-Wolke nördlich der Alpen, diese Wolke mit ihrer charakteristischen Ambossform deutet auf kommende Wetterverschlechterung und Gewitter hin. Foto: Jan Lorenz
Bergsteiger*innen aufgepasst : Eine Cumulunimbus-Wolke nördlich der Alpen, diese Wolke mit ihrer charakteristischen Ambossform deutet auf kommende Wetterverschlechterung und Gewitter hin. Foto: Jan Lorenz

Der letzte steile Firnhang und der eis- und schneefreie Gipfelgrat bringen uns nochmal etwas aus der Puste und wir sind um 10:30 am Gipfel.

Wildspitze – Vent

Nach einer ausgiebigen Gipfelrast treten wir den Abstieg in Richtung Vent an. Dafür folgen wir zunächst der Aufstiegsspur, bis kurz unterhalb des Firnhanges, wo es dann Richtung Mitterkarjoch geht. Hier wollen wir zügig unter dem Bergschrund süd-östlich des Normalweges entlang, denn man sieht dass die darüberliegende Felswand des öfteren mal Steine auf den Gletscher wirft.

Am Mitterkarjoch heisst es Steigeisen ablegen und Pickel wegpacken, denn nun müssen wir den Klettersteig zum Mitterkarferner hinunter (Schwierigkeit C). Hier brauchen wir nochmal volle Konzentration, denn wir haben uns bereits in der Tourenplanung gegen eine KS-Sicherung entschieden. Dies liegt in Gewichts- und Effizienzgründen, vor allem möchte man hier schnell raus sein denn es herrscht akute Steinschlaggefahr. Helm also unerlässlich. Wir haben Glück und es ist gerade keine Seilschaft über uns.

Das Abklettern des Klettersteigs fordert nochmal volle Konzentration. Foto: Sara Widera
Das Abklettern des Klettersteigs fordert nochmal volle Konzentration. Foto: Sara Widera

Unten angekommen müssen wir nun noch den Mitterkarferner herunter. Diese hat den Namen Ferner inzwischen wohl eigentlich nicht mehr so wirklich verdient, denn er ist allenfalls noch ein größeres Schneefeld. Wir steigen unangeseilt ab und gehen auf die Randmoräne, wo wir unsere Gurte ablegen und nun auch den Helm wegpacken können.

Von hier folgen wir dem mit Wegmarkierungen und Steinhaufen markierten Weg zur Breslauer Hütte. Hin und wieder müssen wir auch noch kleine, aufgeweichte Schneefelder queren, wobei ich mich etwas ärgere dass ich die Bergschuhe schon zu früh gegen Trailrunner getauscht habe.

Durch die karge „Mondlandschaft“ des Mitterkars geht es Richtung Breslauer Hütte. Foto: Sara Widera
Durch die karge „Mondlandschaft“ des Mitterkars geht es Richtung Breslauer Hütte. Foto: Sara Widera

Bei der Breslauer Hütte angekommen zieht der Himmel schon etwas zu, das schlechte Wetter kommt früher als erhofft. Also schnell ohne Pause den Abstieg weiter Richtung Vent antreten. Etwa 200hm unterhalb der Hütte kommen auch schon die ersten Tropfen vom Himmel, das ist aber zum Glück nur von kurzer Dauer.

Schließlich kommen wir an der Bergstation des Wildspitzlifts an. Hier müssen wir uns entscheiden ob wir für die letzten 500hm den Sessellift nehmen (11,50€ pro Person) oder weiter zu Fuß absteigen. Wir würden die Überschreitung beide gerne „clean“ vervollständigen, aber da das schlechte Wetter schon im Anmarsch ist, sind wir vernünftig und nehmen die schnellere Variante.

Diese Entscheidung werden wir auch nicht bereuen, denn schon eine halbe Stunde nachdem wir im Bus sitzen kommen die ersten starken Regenschauer und Gewitter. Wir fahren mit dem Bus zunächst von Vent nach Zwieselstein, wo sich unsere Wege trennen. Sara fährt über den Timmelsjoch Pass wieder nach Südtirol und schließlich nach Bozen und ich fahre über Sölden nach Ötztal Bahnhof. Von dort aus geht es mit dem Zug zurück nach Innsbruck.

Fazit

Konditionell und auch ein wenig technisch fordernde Tour, die für sehr fitte Bergsteiger*innen sicherlich auch an einem Tag möglich ist. Die Übernachtung am Taschachhaus macht es allerdings um einiges entspannter, gerade auch was die Organisation der Öffi-Anreise angeht. Alternativ kann man die Tour auch andersrum machen, also von Vent aus aufsteigen und auf der Breslauer Hütte schlafen.

Wie weiter oben schon erwähnt sucht man auf dem Gipfel der Wildspitze zumeist vergebens nach Bergeinsamkeit, auch wenn wir das Glück hatten, zwischen zwei Seilschafen den Gipfel für eine halbe Stunde „für uns“ zu haben. Trotzdem eine sehr lohnenswerte Tour, die als Überschreitung mit Öffis sogar einfacher als mit dem eigenen Auto ist.

Tourdaten

Die Route in Zahlen:   2 Tage Hochtour   2.100 HM   1.900 HM   24 km   GPX Track

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